Der Mehrwert ist die Personalisierte Prävention

Foto: Health Insurance Hack & Con 2021

Im September durfte ich als Gast, Diskutant und Jury Mitglied beim Health Insurance Hack & Con in Leipzig teilnehmen.

Das Panel am Kongresstag, in dem ich mitdiskutieren durfte hatte das Thema

Big Tec im deutschen Gesundheitswesen – Status Quo, Ambitionen & Herausforderungen

Panel 2 – Health Insurance Con 2021

Nun sind viele Experten aus der Tec Branche als Diskutanten eingeladen gewesen: Jens Dommel von Amazon Web Service (AWS), Thilo Mahr von Siemens Healthineers, Timo Levy von T-Systems sowie Dieter Loewe von ITSC. Von Seiten der Krankenkassen durften Kai Swoboda und ich mit diskutieren.

In Vorbereitung auf das Thema habe ich mir die Frage gestellt: „Haben eigentlich die Kundinnen und Kunden einen Mehrwert, wenn das deutsche Gesundheitswesen digitaler wird?“

Ich gebe zu, dass mich das Thema echt bewegt, weshalb ich jetzt, gut zwei Monate nach der Veranstaltung diesen Beitrag schreibe.

Das deutsche Gesundheitssystem und die Versicherten

Der Großteil meines bisherigen Berufslebens steht unter der Überschrift Marketing und Unternehmenskommunikation.

Vor ein paar Jahren, ich meine es war 2015 war ich auf einer Veranstaltung eines Sozialversicherungsverbandes in Berlin. Thema: Qualität in der Versorgung des deutschen Gesundheitssystems.

Einem Slide in der Veranstaltung widmete ich meine besondere Aufmerksamkeit. Dort abgebildet waren Institutionen, Kassenärztliche- und Kassenzahnärztliche Vereinigungen, Verbände jedweder Erbringenden von Leistungen sowie die sogeannnten Kostenträger (z.B. Krankenkassen, Renten- und Unfallversicherungsträger) mit wiederum ihren Verbänden.

Ganz am Rande dieser sehr beeindruckenden Übersicht war ein – in meinem Eindruck – kleines schwarzes „Mensch-ärgere-dich-nicht-Püppchen“ abgebildet. Darunter stand: Versicherte.

Stakeholder des deutschen Gesundheitssystems

Mich hat diese Präsentation seinerzeit beeindruckt. Dies dauert bis heute an und treibt mich an. Diejenigen, für die das gesamte System existiert, finden im Kern nicht statt.

Haben eigentlich die Kundinnen und Kunden einen Mehrwert, wenn das Gesundheitheitssystem digitaler wird…? Ich meine: Ja.

Hans-Juergen Bruhn

Mit diesem Eindruck bin ich seinerzeit zurück ins Unternehmen und habe geschaut, ob dieser Eindruck tatsächlich in der Realität Stand hält. Und, was soll ich schreiben? Mein Eindruck war: Ja. Wir können Prozesse und Business Cases und optimieren die Organisation und die Abläufe. Am Ende verkaufen wir es unseren Kundinnen und Kunden und wundern uns, dass Sie uns nicht vor lauter Begeisterung feiern.

Seitdem ist mein Thema die Kundenfokussierung, -zentrierung und Customer Experience.

Worauf zahlt es ein und was haben die Kunden:innen davon…?

Voraussetzung für die Akzeptanz bei Kundinnen und Kunden ist aus meiner Sicht den konkreten Nutzen und Mehrwert transparent zu machen und zu kommunizieren.

Die großen Vorteile des Einsatzes von Machine Learning oder KI/AI für alle Versicherten ist meiner Meinung nach bereits heute, die Befähigung der Menschen, Symptome (besser) einschätzen zu können; auch als „Patient Empowerment“ bekannt. Auf Augenhöhe in den Dialog mit den zum Beispiel Ärzten zu gehen. Oftmals sind bei den Ärztinnen und Ärzten die gängigsten 70 bis 80 Krankheitsbilder im „Standard“ Reportoire – sofern man das so ausdrücken kann. Dann gibt es weitere, die durch an- und nachlesen aufgefrischt werden. Alle Symtome für weitere Krankheitsbilder sind nicht zwingend präsent. Deshalb kann Patient Empowerment so wertvoll sein.

Der zweite große Mehrwert ist nach meinem Dafürhalten das Desease Monitoring wie beispielsweise das Close Loop bei Diabetes. Durch die Verbindung diverser Wearables mit digitalen Medizinprodukten, die vernetzt sind, ist eine – im Interesse des Patienten – durchgängige Versorgung möglich.

Entsteht ein zweites Gesundheitssystem…?

Ich persönlich glaube, dass wir bereits heute ansatzweise ein paralleles Gesundheitssystem haben, das sich durch die eben beschriebene Entwicklung von Machine Learning und KI/AI weiterentwickeln und etablieren wird.

Der digitale „empowered“ Patient muss nicht gleich in die Praxen gehen. Es findet eine Verlagerung von der Praxis nach Hause statt. Durch qualitativ gesicherte, quellenbasierte Informationen werden Patienten (die Kundinnen und Kunden) in die Lage versetzt Einschätzungen vorzunehmen und zu entscheiden, ob ein Besuch in einer Praxis notwendig ist oder eine anderweitige Behandlung selbt initiiert werden kann.

Ein großartiges Beispiel ist eine Dermatologie App. Als Betroffene oder Betroffener scanne ich Hautstellen, bei denen ich mir unsicher bin, ob sich gesundheitliche Einschränkung entwickeln werden. Mit flankierenden Informationen gebe ich die passenden Informationen an „die App“, dass ich entweder einen konkreten Befund erhalte oder aber ein Besuch bei einem Dermatologen oder einer Dermatologin empfohlen wird.

Auf den Health Insurance Hack & Con habe ich unter anderem Dr. Ole Martin und Patrick Lang von Dermanostic kennengelernt, deren App nichts anderes macht, als gerade skizziert.

Digitalisierung als Voraussetzung für den Einsatz von KI

Gesundheitsdaten werden heute mehr erzeugt als je zuvor. Mithilfe zahlreicher Wearables lassen sich alle nur denkbaren Daten tracken und speichern. Für die weltweiten BigTec wie Apple und Google das Zukunftsmodell. Tim Cook, CEO von Apple, spricht sogar davon, dass „Gesundheit [wird] Apples größter Beitrag für die Menscheit“ sein wird. In der aktuellen Fernsehwerbung für die Apple Watch wird deutlich, was das EKG am Handgelenk alles kann.

Ich bin davon überzeugt, dass Machine Learning und im nächsten Schritt KI/AI das Potential hat, eine Art individuelles Frühwarnsystem für die eigene Gesundheit zu sein. Mit all den eigenen, durch Wearabels getrackten Daten und weiteren durch die elektronische Patientenakte (ePA) zugänglichen Daten im Abgleich mit allen der KI/AI zur Verfügung stehenden Informationen, kann für jede und jeden ein individuelles Risikoprofil erstellt werden. Dieses ist dann Basis für das eigene Frühwarnsystem.

„Gesundheit wird Apples größter Beitrag für die Menschheit“

Tim Cook, CEO Apple

Zugegebenermaßen bin ich kein IT Expert, kein Programmierer und auch nur bedingt BI Expert. Allerdings sehe ich die Potentiale und Chancen und bin davon überzeugt, dass dies möglich ist.

Eines darf ich verraten. Mir hat niemand auf dem Podium, in dem Panel wiedersprochen oder das Szenario als nicht realistisch bezeichnet.

Eine Restriktion oder Herausforderung haben wir sicherlich in Deutschland und Europa. Den Datenschutz. In einem Potcast ist mir eine Aussage von Prof. Dr. Martin Hirsch in Erinnerung geblieben, die ich Euch nicht vorenthalten möchte: „China hat mehr Daten und wenig Datenschutz. Deutschland hat mehr Datenschutz und wenig Daten.

Die Anzahl der Smartphone-Nutzenden in Deutschland beträgt laut Statista 60,7 Millionen laut Stand 19.10.2021. Damit ist das Smartphone prädestiniert als Homebase des persönlichen Frühwarnsystems – der personalisierten Prävention.

Der große Vorteil, Mehrwert und Nutzen für die User liegt auf der Hand. Die Entwicklung von einem kurativen „Reparatur“- Gesundheitssytem, hin zu einem präventivem Gesundheitssystem. Nicht Krankheiten kurieren sondern vorbeugen, dass es gar nicht soweit kommt; wo es sich vermeiden ließe.

China hat mehr Daten und wenig Datenschutz. Deutschland hat mehr Datenschutz und wenig Daten.

Prof. Dr. Martin Hirsch

Wo laufen alle Daten zusammen

Die spannende Frage – nicht nur aus datenschutzrechtlichen Gründen – lautet: Wo laufen alle diese Daten zusammen…? Die Daten der User aus dem Wearables, die ePA Daten, Daten aus Untersuchungen, Beobachtungen, Befunden und Diagnosen.

Soll die KI/AI im Besitz privatwirtschaftlicher Unternehmungen sein? Mit all den Vorteilen und Risiken? Soll die KI/AI in der Verwaltung der öffentlichen Hand sein? Des Staates?

Nach meinem Empfinden ist die bereits diskutierte Idee von Stiftungen als Treuhänder für die Gesundheitdaten ein Lösungsvorschlag.

Hierdurch kann möglicherweise größtmögliche Neutralität gewährleistet werden und somit eine grundlegende Akzeptanz.

Die grundlegende Akzeptanz ist meiner Meinung nach die Voraussetzung, dass ein präventiver Ansatz der personalisierten Prävention funktionieren kann. Und unter funktionieren verstehe ich nicht technisch sondern praktisch.

Im übrigen dient eine solche KI/AI auch den Behandelnden als qualitätsgesicherte und quellengesicherte Basis und dient vielleicht als Entscheidungs-Unterstützungs-System in Arztpraxen und Krankenhäusern.

Und jetzt…?

Und jetzt ist Zeit für ein Fazit. Mir wird mit jedem Satz, jeder Überlegung und jedem Beitrag im Web zum Thema klarer, wie vielschichtig es ist, über personalisierte Prävention zu sprechen und zu schreiben.

Mir ist wichtig, diese Idee anzudiskutieren, da ich fest davon überzeugt bin, dass hier ein klarer Mehrwert für alle User liegt. Dies zeigen Studien und individuelle Befragungen.

Ich glaube, wenn wir alle Gesundheitsdaten in Deutschland anonymisiert und pseudomisiert zusammenführen und mit Hilfe einer KI/AI Ärzten, Krankenhäusern zugänglich machen, trägt dies zu qualitativen Entwicklung unseres Gesundheitssytems bei. Am Ende profitieren die Versicherten als Patientinnen und Patienten und Kundinnen und Kunden.

Wie steht Ihr zu dem Thema…? Welche Erfahrungen macht ihr aktuell…?

Wie immer an dieser Stelle freue ich mich auf eine wertschätzende Diskussion und auf Eure Beiträge.

Beste Grüße

Euer Hans-Juergen

Quellen:

https://www.businessinsider.de/gruenderszene/automotive-mobility/tim-cook-gesundheit-wird-apples-groesster-beitrag-fuer-die-menschheit/

https://de.statista.com/themen/6137/smartphone-nutzung-in-deutschland/#dossierKeyfigures

https://dermanostic.com/ueber-uns

https://www.health-insurance-hack.de

Foto: Health Insurance Hack & Con, Leipzig

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